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USA, 1983 Übersetzt von Lore Strassel 366 Seiten ISBN 3-9804569-6-X unverb. Preisempf. € 50,-- Leider nicht mehr lieferbar.
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TEXTAUSZUG:
Bunderwal
legte
seine Pfeife zur Seite. »Nun, Cugel, was haltet Ihr von
Saskervoy?«
»Es
scheint mir ein angenehmes Städtchen zu sein, wo ein
fleißiger Mann es zu etwas bringen kann.«
»Ihr
seht es richtig und genau darüber wollte ich mich mit Euch
unterhalten. Doch trinken wir zunächst auf Euren weiterhin
wachsenden Wohlstand.«
»Ich
werde auf den Wohlstand als solches trinken«, antwortete Cugel
vorsichtig. »Ich selbst habe mit ihm wenig Erfahrung.«
»Was?
Mit Eurem Geschick beim Skax? Ich habe mir fast die Augen verrenkt beim
Versuch,
Euren schwungvollen Bewegungen zu folgen.«
»Eine
törichte Angewohnheit«, gestand Cugel. »Ich muss
lernen mit
etwas weniger Getue zu spielen.«
»Oh,
das ist mir eigentlich egal«, sagte Bunderwal. »Mir ist die
Anstellung,
die Soldinck zu bieten hat, weit wichtiger. Da ist es
bedauerlicherweise schon
zu einigen unliebsamen Änderungen gekommen.«
»Stimmt«,
brummte Cugel. »Gestattet mir einen Vorschlag.«
»Ich
habe für neue Anregungen immer ein offenes Ohr.«
»Dem
Ladungsaufseher unterstehen sicherlich andere Posten auf der Galante.
Wenn Ihr ...«
Bunderwal
hob eine Hand. »Kein langes Hin und Her. Ich halte Euch für
einen
Mann schneller Entschlüsse. Klären wir die Sache doch ein
für
allemal. Lassen wir Mandingo entscheiden, wer sich für die
Stellung
bewirbt und wer davon Abstand nimmt.«
Cugel
holte
seine Karten hervor. »Wollt Ihr Skax oder Rampolio spielen?«
»Weder
noch«, wehrte Bunderwal ab. »Wir müssen uns auf etwas
einigen,
dessen Ausgang nicht von vornherein feststeht ... Seht Ihr das Glas
dort,
in dem Krasnark, der Wirt, seine Sphigalen hält?« Bunderwal
deutete
auf einen Behälter mit einer Glaswand, in dem verschiedene
Krebstiere
herumkrochen, die gekocht eine besondere Köstlichkeit waren. Die
übliche
Sphigale war acht Zoll lang und hatte sowohl ein Paar kräftige
Scheren
als auch einen sehr beweglichen Stachelschwanz.
»Diese
Tiere sind von unterschiedlicher Gemütsart«, erklärte
Bunderwal. »Einige sind schnell, andere langsam. Sucht Euch eines
aus, genau wie
ich es tun werde. Dann setzen wir unsere Renntiere auf den Boden. Das
erste,
das die gegenüberliegende Wand erreicht, gewinnt.«
Cugel
musterte
die Sphigalen. »Es sind feurige Tiere, zweifellos.« Eine
der
Sphigalen – sie war rot-gelb-blau gestreift, das Blau war
hässlich, wie
von verwaschener Kreide – fiel ihm besonders auf. »Gut, ich habe
meinen
Renner ausgewählt.«
»Holt
ihn mit der Greifzange heraus, aber seid vorsichtig! Sie schnappen mit
den
Scheren zu und stechen, wann es ihnen Spaß macht.«
Verstohlen,
um keine Aufmerksamkeit zu erregen, hob Cugel seine Sphigale mit der
Zange heraus und setzte sie auf die Startlinie. Bunderwal tat es ihm
gleich.
Bunderwal
sprach zu seinem Renner: »Liebe Sphigale, lauf so schnell du
kannst, meine Zukunft hängt von deiner Fähigkeit ab! Achtung
– fertig –
los!«
Beide
Männer
hoben die Zangen und entfernten sich unauffällig von dem
Behälter.
Die Sphigalen rannten los. Bunder-wals entdeckte die offene Tür
und
floh in die Nacht. Cugels suchte Zuflucht in einem von Wagmunds
Stiefeln,
die der Mann ausgezogen hatte, um sich die Füße am Kamin zu
wärmen.
»Ich
erkläre beide Teilnehmer an diesem Rennen für
disqualifiziert«, sagte Bunderwal. »Wir müssen unser
Los auf andere Weise entscheiden.«
Cugel
und
Bunderwal kehrten zu ihrem Tisch zurück. Es dauerte nicht lange
und
Bunderwal fiel etwas Neues ein. »Die Speisen- und
Getränkeausgabe befindet sich hinter dieser Wand, und zwar ein
halbes Stockwerk tiefer. Um
Zusammenstöße zu vermeiden, steigen die Schankburschen die
rechte
Treppe hinunter und die linke mit den vollen Tabletts herauf. Jede wird
außerhalb
der Öffnungs- beziehungsweise Arbeitszeit durch ein Fallgatter
verschlossen.
Wie Ihr seht, werden diese Gatter durch eine Kette offengehalten. Diese
Kette
gleich hier bedient das Gatter der linken Treppe, auf der die
Schankburschen
mit Bier und anderem hochkommen. Jeder Schankbursche trägt eine
hohe
Mütze, die das Haar völlig bedeckt, um zu verhindern, dass es
mit
den Speisen und Getränken in Berührung kommt. Ich schlage
Folgendes
vor: Wir beide lassen abwechselnd das Fallgatter um ein oder zwei
Kettenglieder
tiefer, bis es schließlich einem der Burschen die Mütze
abstreift.
Wenn dies geschieht, hat der von uns verloren, der die Kette zuletzt
tiefer
gelassen hat. Das bedeutet, dass er jeglichen Anspruch auf die Stellung
als
Ladungsaufseher aufgeben muss.«
Cugel
betrachtete
die Kette und das Gatter, das sich damit heben und senken ließ,
und
auch die Schankburschen.
»Die
Burschen sind verschieden groß«, bemerkte Bunderwal,
»mit etwa drei Zoll Unterschied zwischen dem kleinsten und dem
größten. Allerdings glaube ich, dass der größte
etwas vornübergeneigt geht. Das erfordert eine ausgeklügelte
Strategie.«
»Zuvor
müssen wir jedoch festlegen«, forderte Cugel, »dass
keiner von uns den Burschen winken, rufen oder sie auf andere Weise
ablenken darf, damit der Ausgang des Spieles nicht beeinflusst
wird.«
»Einverstanden«,
erklärte Bunderwal sich bereit. »Wir müssen auf
wahrhaft ritterliche
Weise vorgehen. Um mögliche absichtliche Verzögerungen zu
vermeiden,
wollen wir außerdem gleich bestimmen, dass der erste Zug
stattzufinden
hat, ehe der zweite Bursche erscheint. Wenn Ihr beispielsweise das
Gatter
gesenkt habt und ich annehme, dass als nächstes der
größte Bursche hochkommt, kann ich, brauche aber nicht zu
warten, bis einer oben ist, doch dann, ehe der zweite erscheint, muss
ich die Kette verlängern.«
»Eine
gute Regel, mit der ich einverstanden bin. Wollt Ihr den Anfang
machen?«
Bunderwal
überließ dieses Vorrecht Cugel. »Gewissermaßen
seid Ihr unser Gast hier in Saskervoy, deshalb sei Euch die Ehre
vergönnt zu beginnen.«
»Vielen
Dank.« Cugel zog die Kette aus ihrer Halterung und senkte das
Gatter um zwei Glieder. »Nun seid Ihr an der Reihe, Bunderwal.
Wenn Ihr es
vorzieht, dürft Ihr warten, bis ein Bursche hochgekommen ist. Ich
werde
den Vorgang beschleunigen, indem ich uns frisches Bier bestelle.«
»Gut.
Nun muss ich größte Sorgfalt walten lassen. Ich sehe schon,
für
dieses Spiel braucht man ein feines Zeitgefühl. Ich lasse nun die
Kette
um zwei Glieder hinab.«
Cugel
wartete,
bis der größte Bursche, ein Tablett mit vier Bierkrügen
in
der Hand, hochkam. Nach Cugels Schätzung war zwischen seiner
Mütze und dem Gatter ein Abstand von dreizehn Kettengliedern.
Cugel ließ die
Kette um vier Glieder herunter.
»Aha!«
rief Bunderwal. »Ihr seid kühn! Ich werde Euch beweisen,
dass ich
nicht weniger wagemutig bin! Weitere vier Glieder!«
Cugel
kniff
die Augen abschätzend zusammen. Bei einem Senken um sechs Glieder
müsste
das Gatter dem größten Burschen die Mütze genau
abstreifen.
Wenn die Burschen die gleiche Reihenfolge einhielten, dürfte der
größte
als dritter wieder erscheinen. Cugel wartete, bis der nächste, ein
Junge
mittlerer Größe, vorbei war, dann senkte er die Kette um
ganze
fünf Glieder.
Bunderwal
sog laut den Atem ein, dann jubelte er auf. »Sehr schlau
gefolgert, Cugel! Doch nun lasse ich das Gatter um zwei weitere Glieder
hinunter. Dadurch
verfehle ich den kleinsten Burschen, der gerade die Treppe
hochsteigt.«
Der
Kleine
kam unter dem Gatter hindurch. Es fehlten noch etwa zwei Glieder bis zu
seiner
Mütze. Cugel musste nun seinen Zug machen oder aufgeben.
Düster
senkte er das Gatter um ein Glied. Schon kam der größte
Bursche
die Stufen hoch. Doch das Glück war Cugel hold. Der Bursche duckte
den
Kopf, um sich die Nase am Ärmel abzuwischen, so gelangte er unter
dem
Gatter hindurch, ohne dass dies die Mütze auch nur berührte.
Jetzt
war Cugel es, der triumphierte. »Ihr seid dran, Bunderwal. Tut
etwas,
wenn Ihr Euch nicht gleich so geschlagen geben wollt.«
Verzweifelt
ließ Bunderwal ein Glied hinunter. »Nun kann ich nur noch
um ein
Wunder beten.«
Da
stieg
Krasnark, der Wirt, die Treppe hoch. Er war ein Mann mit
grobgeschnittenem Gesicht, größer als der größte
Schankbursche und hatte
muskulöse Arme und buschige schwarze Brauen. Er trug ein Tablett
mit
einer Schüssel Suppe, zwei Brathähnchen und einem
großen gestürzten
Wackel-pudding. Heftig schloss sein Kopf Bekanntschaft mit dem Gatter.
Er
stürzte rückwärts die Stufen hinunter und verschwand
außer
Sicht. Klirren und Krachen von zerbrechendem Geschirr und ein
gewaltiger
Aufschrei drangen von unten herauf.
Hastig
zogen
Bunderwal und Cugel das Gatter in seine ursprüngliche Stellung
zurück
und setzten sich auf entferntere Stühle. »Nun dürfte
ich
wohl als Sieger erklärt werden«, sagte Cugel, »da Ihr
der
Letzte wart, der die Kette berührt hat.«
»Keineswegs!«
widersprach Bunderwal. »Bei der Wette ging es darum einem von
drei Schankburschen
die Mütze vom Kopf zu streifen. Dazu kam es jedoch nicht, da
Krasnark
sich dazwischendrängen musste und so das Spiel unterbrach.«
»Da
ist er!« Cugel deutete mit einem Kopfnicken. »Er mustert
das Fallgatter
sichtlich verwirrt.«
»Es
dürfte nicht ratsam sein das Spiel fortzusetzen«, meinte
Bunderwal. »Soweit es mich betrifft, ist es zu Ende.«
»Nur
der Sieger muss noch bestätigt werden«, beharrte Cugel.
»Und der bin ich – aus so gut wie jeder Sicht.«
Davon
war
Bunderwal nicht zu überzeugen. »Krasnark trug keine
Mütze und so kam es zu keiner Entscheidung! Gestattet, dass ich
noch etwas anderes vorschlage, bei dem das Glück eine
ausschlaggebende Rolle spielt.«
»Ah,
hier ist endlich unser Bier. Du hast aber lange damit gebraucht,
Bursche!«
»Tut
mir leid, Herr. Krasnark stürzte die Treppe hinunter und schlug
gewaltigen Krach.«
»Nun
gut, dann sei dir verziehen. Bunderwal, erklärt Euer neues
Spiel.«
»Es
ist so einfach, dass es mich fast verlegen macht. Die Tür dort
führt zum Pissoir. Seht Euch in der Gaststube um und sucht einen
Mann aus. Ich werde
es auch tun. Wessen Erwählter als letzter seiner Notdurft
nachgeht, gewinnt.«
»Nicht
schlecht«, lobte Cugel. »Habt Ihr Eure Wahl schon
getroffen?«
»Ja.
Und Ihr?«
»Ich
wählte meinen sofort. Ich halte ihn für unschlagbar in einem
Wettbewerb
dieser Art. Es ist der schon etwas ältliche Herr mit der spitzen
Nase
und dem verkniffenen Mund, unmittelbar links von mir. Er ist nicht
groß,
aber die Sparsamkeit, die er bei seinen Schlucken walten lässt,
verleiht
mir Zuversicht.«
»Hm,
keine schlechte Wahl«, gab Bunderwal zu. »Zufällig
fiel meine
Wahl auf seinen Begleiter, den Herrn im grauen Umhang, der missmutig an
seinem
Bier nippt.«
Cugel
winkte
einen Schankburschen herbei und fragte hinter vorgehaltener Hand, so
dass
Bunderwal es nicht hören konnte: »Weshalb lassen die beiden
Herren
links von mir sich soviel Zeit beim Trinken?«
Der
Bursche
zuckte die Schultern. »Wenn Ihr die Wahrheit wissen wollt: Sie
trennen
sich nicht gern von ihrem Geld, obgleich beide mehr als wohlhabend
sind.
So sitzen sie den ganzen Abend bei einem einzigen Krug unseres
billigsten Gebräus.«
»In
diesem Fall«, meinte Cugel, »bring dem Herrn im grauen
Umhang einen großen Krug eures besten Bieres auf meine Rechnung,
doch sag nicht,
dass ich es bestellte.«
»Wie
Ihr wünscht, Herr.«
Auf
einen
Wink Bunderwals wandte der Schankbursche sich ihm zu und auch Bunderwal
murmelte
ihm etwas zu. Der Bursche verbeugte sich knapp und rannte die Treppe
hin-unter.
Bald darauf kehrte er mit zwei Riesenkrügen zurück, die er
den
beiden Erwählten vorsetzte. Nachdem der Bursche ihnen eine
längere
Erklärung abgegeben hatte, nahmen sie das spendierte Bier an,
waren
jedoch offensichtlich überrascht.
Cugel
gefiel
die Gier gar nicht, mit der sein Mann nun trank. »Ich
fürchte, ich traf eine schlechte Wahl«, klagte er.
»Der Kerl säuft, als käme er gerade nach mehreren Tagen
aus der Wüste zurück!«
Auch
Bunderwal
war mit seinem Mann unzufrieden. »Er steckt mit seiner Nase
bereits
tief im Krug. Ich muss schon sagen, Cugel, Euer Trick war gemein. Es
blieb
mir nichts übrig, als tief in den Beutel zu greifen, um es Euch
nachzutun.«
Cugel
dachte,
er könnte seinen Mann vielleicht durch ein Gespräch vom Bier
ablenken.
So beugte er sich vor und sagte: »Seid Ihr in Saskervoy zu Hause,
mein
Herr?«
»Das
bin ich«, bestätigte der Spitznasige, »und wir aus
Sas-kervoy sind dafür bekannt, dass wir Fremden in seltsamer
Gewandung Misstrauen entgegenbringen.«
»Ihr
seid auch für eure Mäßigkeit bekannt«, sagte
Cugel, um das Gespräch nicht abbrechen zu lassen.
»Welch
Unsinn!« rief der feine Herr. »Seht Euch doch nur die
Gäste hier an: Alle trinken einen Krug nach dem andern.
Entschuldigt mich, ich muss
es ihnen gleichtun.«
»Lasst
Euch warnen, das hiesige Bier ist nicht unschädlich. Mit jedem
Schluck setzt Ihr Euch der Gefahr einer Erkrankung aus.«
»Unsinn!
Bier reinigt das Blut! Hört Ihr zu trinken auf, wenn Ihr Angst
habt, aber lasst mich in Ruhe!« Erneut hob der Spitznasige den
Krug an die
Lippen und nahm einen tiefen Schluck.
Verärgert
über Cugels Versuch, wollte nun Bunderwal seinen Mann ablenken,
indem er ihm auf die Zehen trat. Die Streitigkeiten, zu denen es
dadurch gekommen wäre, hätten bestimmt eine ordentliche Weile
beansprucht. Aber Cugel
war geistesgegenwärtig und zog Bunderwal auf seinen Stuhl
zurück. »Spielt das Spiel nach sportlichen Regeln oder ich
ziehe mich von diesem
Wettbewerb zurück!«
»Eure
Taktik war auch nicht gerade den Regeln entsprechend«,
empörte sich Bunderwal.
»Nun
denn«, sagte Cugel, »so wollen wir nicht mehr in den Lauf
der Dinge eingreifen.«
»Einverstanden,
aber das wäre ohnehin nicht mehr nötig, da Euer Mann schon
Zeichen der Unruhe verrät. Er wird sich wohl gleich erheben, in
welchem Fall ich gewinne!«
»Nicht
doch! Wessen Mann als erster durch die Tür geht, hat verloren!
Seht doch,
Eurer steht bereits auf. Sie gehen beide gleichzeitig.«
»Dann
zählt jener, der die Gaststube als erster verlässt, denn
zweifellos wird er auch der erste sein, der sich erleichtert.«
»Nein,
nicht so. Wessen Mann tatsächlich als erster seine Notdurft
verrichtet, ist der Verlierer.«
»So
kommt. Von hier aus lässt sich das nicht feststellen.«
Cugel
und
Bunderwal beeilten sich ihren Erwählten zu folgen. Sie kamen auf
den
Hinterhof und zu einem beleuchteten Anbau, wo ein an der Wand
befestigter Trog für die Bedürfnisse der männlichen
Gäste zur Verfügung stand.
Die
beiden
Erwählten schienen in keiner großen Eile zu sein. Sie
blieben
stehen, schauten zum Sternenhimmel hoch und bemerkten zueinander, welch
milde
Nacht es doch war. Dann traten sie fast gleichzeitig zu dem Trog. Cugel
und
Bunderwal folgten zu beiden Seiten, um sich zu vergewissern.
Die
zwei
Herren machten sich daran, sich zu erleichtern. Cugels Mann blickte
seitwärts.
Ihm fiel Cugels Interesse auf und er rief sofort verärgert:
»Eure
Neugier ist unverzeihlich! Wirt! Herbei! Ruft die Nachtwache!«
Cugel
versuchte
zu erklären. »Mein Herr, Ihr verkennt die Situation!
Bunderwal
wird es Euch erklären. Bunderwal?«
Aber
Bunderwal
hatte sich eilig in die Gaststube zurückgezogen. Krasnark, der
Wirt,
nun mit einem Verband um die Stirn, kam herbeigelaufen. »Meine
Herren,
bitte beruhigt euch! Meister Chernitz, habt die Güte Euch zu
fassen.
Was habt Ihr für Schwierigkeiten?«
»Keine
Schwierigkeiten!« entrüstete sich Chernitz. »Eine
Unverschämtheit. Ich kam hierher, um mich zu erleichtern,
woraufhin diese Person sich neben mich stellte und sich gar unverfroren
benahm. Natürlich rief ich sofort nach Euch!«
Sein
Freund,
Bunderwals Erwählter, sprach verkniffen. »Ich kann die
Anschuldigung
bekräftigen! Diesem Burschen sollte das Haus verboten, ja, er
sollte
aus der Stadt gejagt werden!«
Krasnark
wandte sich an Cugel: »Das sind ernste Anschuldigungen! Was habt
Ihr
zu Eurer Verteidigung zu sagen?«
»Meister
Chernitz ist einem Irrtum unterlegen! Auch ich kam lediglich aus
demselben Grund hierher wie er. Als ich die Wand entlangschaute,
bemerkte ich meinen Freund Bunder-wal und winkte ihm zu, woraufhin
Meister Chernitz aufschrie und verleumderische Verdächtigungen
ausstieß! Es wäre wirklich angebracht, Ihr würdet diese
beiden alten Baumwiesel hinauswerfen!«
»Was?«
schrie Chernitz heftig. »Ich bin ein einflussreicher Mann!«
Krasnark
schwang beide Arme hoch. »Meine Herren, bitte! Lasst Vernunft
walten! Die Sache ist doch wahrhaftig nicht der Rede wert! Gewiss,
Cugel hätte seinem Freund nicht ausgerechnet über den Trog
hinweg zuwinken sollen. Und Meister Chernitz wiederum sollte in seinen
Mutmaßungen weniger argwöhnisch
sein. Ich schlage vor, Meister Chernitz nimmt das Schimpfwort
›Sittenstrolch‹
zurück und Cugel seine ›Baumwiesel‹. Dann lassen wir die
Angelegenheit
auf sich beruhen.«
»Solche
Schmach bin ich nicht gewöhnt«, erklärte Cugel.
»Ehe Meister Chernitz sich nicht entschuldigt, nehme ich die
›Baumwiesel‹ nicht zurück!« Ohne ein weiteres Wort kehrte er
in die Gaststube zurück und setzte sich wieder an seinen alten
Platz zu Bunderwal. »Ihr habt das Pissoir ziemlich plötzlich
verlassen«, rügte Cugel. »Ich
blieb, um den Ausgang unserer Wette abzuwarten. Euer Mann verlor um
einige
Sekunden.«
»Aber
nur, weil Ihr den Euren abgelenkt habt. Der Wettbewerb ist deshalb
ungültig!«
Meister
Chernitz und sein Freund kehrten ebenfalls zurück. Nach einem
flüchtigen, eisigen Blick auf Cugel steckten sie die Köpfe
zusammen und sprachen leisen Tones.
Auf
Cugels
Wink brachte ein Schankbursche frische Krüge mit Tatterblassbier
und
die beiden Rivalen stärkten sich. Nach einer kurzen Weile sagte
Bunderwal:
»Obwohl wir uns redlich bemühten, ist unser kleines Problem
immer
noch nicht gelöst.«
»Und
warum?« entgegnete Cugel. »Weil Spielchen dieser Art
völlig vom Zufall abhängig sind. Und deswegen sind sie meinem
Wesen zuwider. Ich gehöre nicht zu jenen, die geduldig den Hintern
hochrecken und darauf
warten, dass das Schicksal ihn tritt oder streichelt. Ich bin Cugel!
Furchtlos
und nicht unterzukriegen; ich stelle mich unerschrocken allen
Widerwärtigkeiten!
Kraft meines Willens ...«
Bunderwal
winkte ungeduldig ab. »Schweigt, Cugel, Eure Prahlereien reichen
mir!
Ihr habt zuviel Bier in Euch hineingegossen und ich denke, Ihr seid
betrunken!«
Cugel
starrte
Bunderwal ungläubig an. »Betrunken? Von drei Schlucken
dieses
blassen Tatterblass? Ich habe schon Regenwasser getrunken, das
stärker war. Bursche! Mehr Bier! Was ist mit Euch,
Bunderwal?«
»Ich
schließe mich Euch gern an. Doch nun, da Ihr eine weitere
Entscheidung der Glücksgöttin ablehnt, seid Ihr gewiss bereit
Euch geschlagen zu geben?«
»Wie
kommt Ihr darauf? Lasst uns Bier trinken, Krug um Krug, während
wir die
Doppelkoppel tanzen. Der erste, der auf die Nase fällt, hat
verloren.«
Bunderwal
schüttelte den Kopf. »Wir haben beide ein
überdurchschnittliches Beharrungsvermögen und sind aus dem
Stoff, aus dem Legenden gemacht werden.
So könnte es leicht sein, dass wir die ganze Nacht hindurch
tanzen,
bis wir gleichermaßen erschöpft sind und der einzige, der
Gewinn
davon hätte, wäre Krasnark.«
»Nun
denn, habt Ihr einen besseren Vorschlag?«
»Allerdings!
Wenn Ihr nach links blicktet, würdet Ihr sehen, dass sowohl
Chernitz als auch sein Freund eingenickt sind. Seht, wie Ihre
Bärte zucken! Hier
ist die Gelegenheit! Schneidet dem einen oder anderem den Bart ab und
ich
erkenne Euch als Sieger an!«
Cugel
blickte
bestürzt zu den Schlummernden. »Sie schlafen keineswegs
fest.
Ich bin bereit das Schicksal herauszufordern, das wohl, doch
keineswegs, mich
von einer Klippe zu stürzen!«
»Nun
gut«, brummte Bunderwal. »Dann nehme ich die Schere. Wenn
ich einen Bart abgeschnitten habe, müsst Ihr mich als Sieger
bestätigen!«
Der
Schankbursche
brachte frisches Bier. Cugel nahm nachdenklich einen tiefen Schluck.
Mit
leiser Stimme sagte er: »Die Sache ist nicht so leicht, wie sie
aussieht.
Angenommen, ich entschiede mich für Chernitz. Er brauchte
bloß
ein Auge zu öffnen und zu fragen: ›Cugel, weshalb schneidet Ihr
mir
den Bart ab?‹ Ich würde daraufhin die Strafe erleiden, die das
Gericht
von Saskervoy für ein solches Vergehen bestimmt.«
»Dasselbe
gilt für mich«, erinnerte ihn Bunderwal. »Aber ich bin
mit
meinen Überlegungen einen Schritt weitergegangen. Hört
selbst: Könnte
Chernitz oder der andere Euer Gesicht oder mein Gesicht sehen, wenn
kein
Licht brennt?«
»Wenn
kein Licht brennt, wäre die Sache schon vorstellbarer.«
Cugel nickte.
»Drei Schritte bis zu ihrem Tisch, den Bart fassen, ein Schnitt
mit
der Schere, drei Schritte zurück und es ist vollbracht. Und dort
sehe
ich den Lichthahn.«
»Genau
mein Gedankengang«, versicherte ihm Bunderwal. »Nun denn,
wer versucht es, Ihr oder ich? Ich überlasse die Entscheidung
Euch.«
Cugel
nahm
einen weiteren tiefen Schluck, um besser überlegen zu können.
»Lasst
mich die Schere fühlen ... Hm, sie ist gut geschliffen. Ich
würde
sagen, etwas wie dies muss getan werden, solange man noch in der
richtigen
Stimmung dazu ist.«
»Dann
werde ich also den Lichthahn drehen«, erklärte Bunderwal.
»Sobald das Licht ausgeht, springt Ihr los und tut Euer
Werk.«
»Wartet«,
hielt Cugel ihn zurück. »Zuerst muss ich einen Bart
auswählen. Der von Chernitz ist sehr verlockend, aber der des
anderen steht besser ab.
Ah ... Also gut, ich bin bereit.«
Bunderwal
stand auf und schlenderte zum Hahn. Er blickte zu Cugel zurück und
nickte.
Cugel
machte
sich bereit.
Die
Lichter
erloschen. Vom Glimmern des Feuers abgesehen, war es dunkel. Cugel
hastete
an den Nebentisch, packte den erwählten Bart, schnipste geschickt
...
Einen Moment entglitt der Hahn wohl Bunderwals Griff oder vielleicht
war
auch nur noch etwas Zündstoff in den Lampen, jedenfalls leuchteten
sie
einen Augenblick noch einmal hell auf und nunmehr starrte der jetzt
bartlose
Herr Cugel geradewegs in die Augen. Wieder erlosch das Licht und der
Herr
hatte nur noch die Erinnerung an ein langnasiges Gesicht, umrahmt von
glatten
schwarzen Haar, das unter einem ausgefallenen Hut hervorhing.
Verwirrt
schrie der Herr: »Ho! Krasnark! Schurken und Halunken sind unter
uns!
Wo ist mein Bart?«
Ein
Schankbursche
tastete sich durch die Dunkelheit und drehte den Lichthahn auf. Wieder
brannten
die Lampen hell.
Krasnark,
dem der Verband verrutscht war, stürmte herbei, um nach dem
Rechten zu
sehen. Der Entbärtete deutete auf Cugel, der sich auf seinen Stuhl
zurückgelehnt
und die Hand schlaff um den Krug gelegt hatte, als schliefe er.
»Dort
sitzt der Missetäter! Ich sah, wie er mir wölfisch grinsend
den
Bart abschnitt!«
Empört
rief Cugel: »Er redet irr! Achtet nicht auf ihn. Ich saß
hier, unbeweglich wie ein Fels, während sein Bart gestutzt wurde.
Das Bier hat wohl seine Sinne benebelt!«
»Unverschämtheit!
Ich habe Euch mit beiden Augen gesehen!«
Im
Tonfall
des schuldlos Verdächtigten sagte Cugel: »Wes-halb sollte
ich
Euch den Bart nehmen? Hat er überhaupt einen Wert? Durchsucht
mich,
wenn Ihr wollt! Ihr werdet nicht ein Härchen finden!«
Hörbar
verwirrt sagte Krasnark: »Cugels Worte klingen vernünftig!
Wirklich, warum sollte er Euch den Bart abschneiden?«
Der
Herr,
mit nun vor Wut tiefrotem Gesicht, schrie: »Warum sollte
überhaupt jemand meinen Bart abschneiden? Trotzdem fehlt er! Seht
selbst!«
Krasnark
schüttelte den Kopf und drehte sich um. »Das geht über
mein
Vorstellungsvermögen! Bursche, bring Meister Mercantides einen
Krug
gutes Tatterblass zur Beruhigung seiner Nerven. Er braucht dafür
nicht
zu bezahlen.«
Cugel
wandte
sich an Bunderwal. »Es ist vollbracht.«
»Es
ist vollbracht«, bestätigte Bunderwal großmütig.
»Ihr
seid der Sieger. Morgen Mittag gehen wir gemeinsam ins Kontor von
Soldinck
und Mercantides, dort werde ich Euch für den Posten des
Ladungsaufsehers
vorschlagen.«
»›Mercantides‹«,
überlegte Cugel. »Nannte Krasnark nicht den Herrn so, dessen
Bart
ich abschnitt?«
»Nun,
da Ihr es erwähnt, glaube ich, das war der Name«,
bestätigte Bunderwal.
Wagmund,
der auf der anderen Seite saß, gähnte laut. »Ich habe
genug
der Aufregung für einen Abend! Ich bin müde und angenehm
schläfrig.
Meine Füße sind warm und die Stiefel inzwischen gewiss
trocken.
Es wird Zeit, dass ich nach Hause gehe. Wo sind meine Stiefel ...«