Jack Vance
DER GALAKTISCHE
SPUERHUND
The Galactic
Effectuator
aus dem
Amerikanischen uebersetzt von Eva Bauche-Eppers
Mit Illustrationen
von Johann Peterka
Bastei-Luebbe
23237, 320 Seiten, 12,90 DM
von Carsten Kuhr
Jack Vance ist einer der Autoren, die bei Fans und Profis gleichermassen beliebt ist. Sein Renommee als einer der stilistisch versiertesten Erzaehler des Genres bescherte ihm Meriten zuhauf, auch wenn ihm der ganz grosse wirtschaftliche Erfolg versagt blieb. Die Tatsachen aber, dass seine Buecher immer wieder in liebevoll gestalteten und luxurioes ausgestatteten limitierten Ausgaben aufgelegt werden, und diese hochpreislichen Editionen fast grundsaetzlich vor Erscheinen ausverkauft sind, spricht eine deutliche Sprache.
Vorliegendes Werk vereint zwei Novellen zwischen seinen Buchdeckeln. Bereits 1983 im Rahmen der Knaur ScienceFiction Reihe unter # 5760 veroeffentlicht, legt die Bastei-Luebbe Vance Edition nun erstmals eine ungekuerzte, neu uebertragene Version vor. Eva Bauche-Eppers hat die Herausforderung der Neuuebersetzung mit Bravour gemeistert.
Um was geht
es ueberhaupt wollen Sie wissen? Wir begegnen Miro Hetzel, seines Zeichens
<Effectuator> . Als Gentleman und interstellarer Detektiv pflegt er
einen gehobenen Lebensstil, den er durch erfolgreiche Ermittlungen im Dienste
seiner betuchten Klientel bestreitet. Wir begleiten ihn zunaechst im Auftrag
eines Konzerns auf einen hinterwaeldlerischen Planeten. Von dort kommen
ploetzlich Konkurrenzprodukte, die den ausgepegelten Markt in Unruhe bringen.
Miro soll nun ermitteln, wer hinter der unbekannten Firma steckt. Kaum
auf Maz angekommen wird er in die Ermordung zweier Aliens verwickelt. Das
Puzzle, wer fuer den Mord verantwortlich zeichnet1 und wer die kriegerische
Urbevoelkerung zur Fliesbandarbeit missbraucht birgt so manchen unerwartete
Wendung und laesst unseren Ermittler mitten in der ungezuegelten Wildniss
Maz' stranden.
In der zweiten
Novelle wird Miro auf einen ehemaligen Klassenkameraden angesetzt. Diese,
ein genialer Chirurg raecht sich fuer alle an ihm vermeindlich begangenen
Untaten und Kraenkungen dadurch, dass er seinem Widersacher ein Glied amputiert.
Miro soll die verschollenen Beine, Arme, Nasen und Hoden wiederfinden -
eine Aufgabe, die all sein Kombinationstalent fordert.
Der Verlagswaschzettel
offeriert uns einen Zitat <galaktischen Spuerhund, ein Gentleman und
cleverer Trickbetrueger> - nun einen solchen Protagonisten sucht man hier
vergebens. Das Attribut Gentleman trifft auf unsere Identifikationsfigur
recht gut zu, aber ein Trickbetrueger, das impliziert die Vorstellung eines
Mannes, der sich im Rotlichmilieu mit am Rande der Legalitaet angesiedelten
Geschaeften so ueber Wasser haelt, und seine Faelle mit Revolver und Whiskey
zu loesen pflegt. Miro ist ein andere Typ von Detektiv - mehr ein Sherlock
Holmes als ein Philip Marlowe oder Sam Spade, ein Mann des Denkens, weniger
ein Mann schlagkraeftiger und wilder Verfolgungsiagten. Was uns Vance insbesondere
in der ersten der beiden Novellen an Iddenreichtum offeriert, das ist schon
beeindruckend. Aus diesem Fundus an fiktiven ausserirdischen Kulturen,
fremder Flora und Fauna sowie exotischer Verhaltes- und Denkweisen wuerden
anderer, weniger begabter Angehoeriger der schreibenden Zunft eine gute
Handvoll voluminoeser Romane vorlegen, Vance nutzt dieses minutioes ausgearbeitete
Bild einer fremden Welt fuer eine einzige Novelle - wohl dem, der ueber
einen derartigen Ideenreichtum verfuegen konnte! Im Mittelpunkt seiner
Erzaehlung stehen selten actionbetonte Kampfszenen. Statt dessen setzt
er auf eher ruhige Toene, offeriert uns intelligente Protagonisten, die
mittels ihrer Intelligenz die anstehenden Aufgaben zu bewaeltigen wissen.
Auch die sprachliche Ausarbeitung, die auch in der kongenialen UEbersetzung
von Eva Bauche-Eppers eine adaequate Umsetzung in die deutsche Sprache
fand ist ein Merkmal der Werke Jack Vance's. Insoweit kann man dem ambitionierten
Projekt des Bastei-Luebbe Verlages, eine neu und vollstaendig uebersetzte
Edition der Werke Vances dem geneigten Leser zu offerieren nur von Herzen
alles Gute wuenschen!
Kaleidoskop
der Welten
(Ports of
Call, 1998)
Bergneustadt-Wiedenest,
1998
Edition Andreas
Irle
A. d. Amerikanischen
von Andreas Irle
Rez: Fantasia131/132
Myron Tany
studiert am College der Definierbaren Qualitäten ein Programm, das
er
seinen Eltern als „Ökologische Fluxion" definiert, aber in Wirklichkeit
lauter Kurse beinhaltet, die mit Raumfahrt zu tun haben, denn sein Sinn
steht, ganz im Gegensatz zu dem seiner pragmatischen Eltern, nach den Weiten
des Alls. Er hat aber Glück, denn seine exzentrische Großtante
Dame Hester, bei der er wohnt, hat in einem Prozeß einen Raumkreuzer
als Entschädigung erhalten. Und als sie von einem Planeten hört,
auf dem es eine Art Jungbrunnen geben soll, kann sie nichts mehr zurückhalten,
eine Expedition auszurüsten. Bedauerlicheweise besitzt Myron nicht
das nötige Taktgefühl, um mit den gerissenen Männern, die
seiner Tante maßlos übertriebene Komplimente machen, gebührend
umzugehen, so daß er sich bei einer Zwischenstation unversehens vor
die Raumschifftür gesetzt sieht, mit nichts als einer Rückfahrkarte
zum Heimatplaneten in der Tasche. Davon läßt er sich jedoch
in Hinsicht auf seine raumfahrerischen Pläne nicht entmutigen, sondern
heuert auf einem Fracht- und Passagierschiff an, das nun die absonderlichsten
Raumhäfen („ports of call") anläuft und die seltsamsten Passagiere
an Bord nimmt.
Kaleidoskop
der Welten ist wieder ein sehr, sehr typische Vance-Roman (offenbar der
erste in einer längeren Reihe): Die Personen, ob begütert oder
nicht, ob von hohem Rang oder nicht, achten die Wahrung der Form als das
höchste Gut; die distanzierte, hochmütige, elegante Geste gilt
ihnen alles. Oftmals klafft eine große Lücke zwischen Anspruch
und Wirklichkeit, aber die Charaktere belügen nicht nur andere, sondern
auch sich selbst selbst mit großem Erfolg. Der arme Myron bildet
in seiner hinterwäldlerischen, pragmatischen, realistischen Art die
einzige unrühmliche Ausnahme, allen Erziehungsversuchen seiner Großante
zum Trotz.
Typisch Vance
ist auch das Fehlen eines stringenten Handlungsfadens: Wie das Raumschiff,
auf dem er angemustert hat, triftet Myron dahin, den Wechselfällen
des Schicksals ergeben, ohne besonderen inneren Antrieb, denn, entgegen
seiner anfänglichen Charakterisierung als Mann der Tat ist er doch
der Vance’sche Held, der, zufrieden mit sich selbst und seiner Situation,
zwar energisch auf Anforderungen von außen reagiert, selten aber
von sich aus agiert, nachdem er sein erstes Ziel, den Weltraum, erreicht
hat.
Das alles
ist in dem typischen verschrobenen und verklausulierten Vance-Stil verfaßt,
der erst die Eigenheiten der Charaktere und der Handlung so richtig zum
Tragen bringt. Die Übersetzung von Andreas Irle ist, wie alle seine
Vance-Arbeiten, eigentlich die einzige adäquate Übertragung von
Jack Vance, die es auf Deutsch bisher gibt, weil er sich im Gegensatz zu
all seinen Vorgängern erfolgreich bemüht, den umständlichen
Satzbau und die ausgefallene Wortwahl des Originals zu bewahren. Kleinere
Unsicherheiten in der Übertragung, die hin und wieder auftreten („,Ich
nehme an, daß Doktor Maximus nimmt, was der Handel bietet.‘" ist
beispielsweise zu wörtlich übertragen, um auf Deutsch noch verständlich
zu sein; es soll eigentlich bedeuten, daß der gute Doktor nach den
Gesetzen von Angebot und Nachfrage das Maximum dessen verlangt, was der
Markt hergibt.), können den positiven Gesamteindruck nicht trüben.
Der Titel
allerdings, Kaleidoskop der Welten, klingt zwar gut, ist aber eigentlich
schon 1967 von Moewig für die Storysammlung von 1966, The Many Worlds
of Magnus Ridolph, vergeben worden.
NACHTLICHT
(2)
(Night Lamp, 1996)
Edition Andreas Irle, 539 Seiten
Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes:
diese solide ausgestattete Sammlerausgabe erschien nahezu zeitgleich mit
dem amerikanischen Original. Von vielen Vance-Fans wurde das Buch sehnlich
erwartet. Ein Wermutstropfen ist sicherlich der recht hohe Preis. Dafür
bekommt der Sammler aber auch etwas Exklusives: diese Ausgabe ist limitiert
auf 250 Exemplare, in schwarzes Leinen gebunden, silbern geprägt und
mit einem farbigen Schutzumschlag versehen. Außerdem ist dies die
erste Vance-Ausgabe bei Irle, die illustriert wurde (von Kerstin Hirte),
und das sehr ansprechend. Eine weitere Besonderheit: der Übersetzer
hat sich bei seinem deutschen Text bereits an der neuen Rechtschreibung
orientiert.
Nachtlicht ist wieder einmal im Gaeanischen Reich
angesiedelt und erinnert stilistisch eher an die Vance-Romane der siebziger
Jahre (z.B. Alastor-Trilogie) als an die der letzten Zeit. Erzählt
wird von Jaro, einem Jungen, der von zwei Forschern vor dem Tode gerettet
wurde und bei ihnen auf dem Planeten Gallingale in der Stadt Thanet aufwächst.
Doch Jaros Vergangenheit birgt scheinbar ein Geheimnis, denn er kann sich
an sechs Jahre seiner Kindheit nicht erinnern. Es treibt ihn hinaus in
den Weltraum, um seine Vergangenheit zu erkunden, doch seine Zieheltern
lassen ihn nicht gehen, sondern bestehen darauf, daß er zuvor mindestens
eine solide Ausbildung erhält.
Vance schafft es ein weiteres Mal, ein hochinteressantes
und komplexes Sittengemälde von den gesellschaftlichen Zuständen
auf Gallingale zu fabulieren. Fast jeder der Gesellschaft ist Mitglied
eines exklusiven Clubs und strebt danach, in den nächsthöheren
aufgenommen zu werden. Jaro und seine Eltern bilden eine Ausnahme, und
so hat es der Junge nicht leicht, schon gar nicht mit dem anderen Geschlecht.
Statt sich in „Betragung" (eine typische Vance-Erfindung: ein Gemisch aus
guten Manieren und Höflichkeit) zu üben, arbeitet Jaro in seiner
Freizeit im Raumhafen und lernt dort Tawn Maihac kennen, der der Schlüssel
zur dunklen Vergangenheit des Jungen ist. Und tatsächlich findet Jaro
einiges heraus, was eigentlich im Verborgenen bleiben sollte... – Mehr
möchte ich nicht verraten, um nicht die Spannung zu nehmen.
Der Vance-Fan kommt bei diesem Buch voll auf
seine Kosten, wer den Autor jedoch nicht kennt, könnte Schwierigkeiten
mit dem Stil bekommen. Auf jeden Fall kann man Andreas Irle zur Herausgabe
des Romans beglückwünschen.
(Hardy Kettlitz, ALIEN CONTACT 26)
(Night Lamp,
1996)
Bergneustadt
1996, Edition Irle
A. d. Amerikanischen
von Andreas Irle
Rez: Fantasia
112/113
Hilyer und
Althea Fath sind Assistenz-Professoren am Thaneter Institut auf der Welt
Gallingale. Jeder Bürger Gallingales gehört der einen oder anderen
Verbindung an, hier Club genannt, die über sein gesellschaftliches
Prestige entscheidet; einer der angesehendsten sind die Clam Muffins. Abstammung,
Manieren und Wohlstand, kurz Betragung genannt, können die Aufnahme
in einen höherrangigen Club beeinflussen. Da die Faths es immer vorgezogen
haben, ihre Energie den Studien zu widmen, gehören sie keinem einzigen
Club an, sind also statuslose Nimps.
Dieser Zustand
überträgt sich automatisch auf ihren Ziehson Jaro, den sie bei
einer ihrer Studienreisen halbtot auf der Welt Camberwell aufgelesen und
mit nach Hause genommen haben. Jaro, der sich um gesellschaftliche Konventionen
noch weniger kümmert als Hilyer und Althea, wäre mit sich und
seiner Stellung auf der örtlichen Schule zufrieden, gäbe es da
nicht die wilde und eigensinnige, aber offenbar doch sehr reizvolle Skirlet
Hutsenreiter, die ausgerechnet zu den Clam Muffins gehört. Seine Versuche,
sich ihr wider alle gesellschaftlichen Regeln zu nähern, werden von
seinen Mitschülern mit Abscheu betrachtet, so daß er als Schmeltzer
gebrandmarkt wird.
Zugleich
quält ihn aber noch eine andere Sache: Als er auf Camberwell gefunden
wurde, stand er unter einem derart schweren Schock, daß er wohl gestorben
wäre, hätten ihm nicht drei Doktoren die letzten sechs Jahre
seiner Erinnerung geraubt. Das auslösende Ereignis war, wie der Autor
verrät, daß er seine Mutter auf ihren eigenen Wunsch mit einer
Axt erschlug, um sie vor einer weiteren Folter durch einen gewissen Asrubel
von von Urd zu bewahren.
Dennoch meint
Jaro bisweilen, eine Stimme in seinem Kopf zu hören, die wie eine
verlorene Seele jammert und stöhnt. Diese Erscheinung, die vielleicht
auf Telepathie zurückzuführen sein könnte, legt sich zwar,
aber dennoch bleibt in Jaro der brennende Wunsch bestehen, die Raumfahrt
zu lernen und seine Herkunft zu erforschen, eine Sache, die von den Faths
mit größtem Nachdruck hintertrieben wird; selbst als sie unvermutet
bei einer Expedition ums Leben kommen, haben sie testamentarisch dafür
gesorgt, daß er erst nach seinem Abschluß den Namen des Planeten
erfahren soll, auf dem er gefunden wurde. Sie haben jedoch nicht mit dem
Erfindungsreichtum von Skirlet gerecht, die nicht umsonst eifrige Studien
betrieben hat, um Effektuatorin zu werden.
Jack Vance
ist einer der großen alten Männer der amerikanischen Science
Fiction. Seine Novelle The Dragon Masters von 1962 gehört beispielsweise
zu den Meisterwerken des Genres. In den achtziger und neunziger Jahren
ist Vance allerdings – offenbar unter dem Druck des Marktes – dazu übergegangen,
umfangreichere Fantasy-Zyklen zu schreiben, was an sich seinem Talent für
kurze, farbenprächtige und exotische Science Fiction nicht sehr entsprach.
Mit Nachtlicht ist er wieder zu seinen alten Themen zurückgekehrt:
der Außenseiter im starren Kastensystem, die Sehnsucht nach der Raumfahrt,
der Wunsch nach Rache an einem übermächtigen Gegner. Themen,
die er etwa in der Serie um die Demon Princes in drei Bänden in den
sechziger und dann wieder in zwei Anfang der achtziger behandelt hat.
Allerdings
wird in Nachtlicht deutlicher als in früheren Werken, daß dieses
Außenseitertum, das Vance so beharrlich sein ganzes Leben lang beschrieben
hat, vielleicht auf eigene Erfahrungen des Autors auf Highschool oder College
mit den dort üblichen studentischen Verbindungen zurückgeht.
Das Schema, dem auch Jaro unterworfen ist, ähnelt sich in vielen Romanen
von Jack Vance, auch in dem weiter oben besprochenen Kaleidoskop der Welten
von 1998:
Der Junge
verläßt sein Elternhaus zum Zweck des Studiums, kommt bei Verwandten
unter und gerät in eine Umgebung, in der Herkunft und Benehmen eine
überragende Rolle spielen, so daß er sofort als Außenseiter
abgestempelt wird. Sein Bestreben, dazuzugehören, wird aber konterkariert
von seiner Weigerung, sich anzupassen und das Spiel der anderen mitzuspielen.
Die Verachtung der anderen will er nicht wahrnehmen, er gibt vor, daß
sie ihn nicht berührt, und ist damit auf seine Weise ebenso arrogant
wie seine Gegenspieler.
Er will den
Erfolg nach eigenen Regeln erringen, was ihm dank seiner Intelligenz und
seiner Beharrlichkeit auch gelingt. Aber die Anerkennung bleibt aus, im
Gegenteil, die Verachtung schlägt nun in Haß um, Haß auf
den Spielverderber, der sich nicht an die Regeln halten will. Seine eigentlichen
Wünsche nach Reisen und Abenteuer kann er sich nicht erfüllen,
so daß er sich ziellos dahintreiben läßt, sein Studium
lustlos absolviert und nebenbei jobbt, immer in der Hoffnung, sich doch
eines Tages seine Träume wahr werden zu lassen. Sein Leben ist in
dieser Phase vollkommen fremdbestimmt, und er reagiert nur auf das, was
von außen auf ihn eindringt, von seinen Erziehern, von hübschen
Mädchen, von Rivalen und Gegnern. Bis dann ein Ereignis eintritt,
das sein Handeln erfordert, so daß er über sich hinauswächst
und brachliegende Energien freisetzt.
Der Vance’sche
Held ist zwiegespalten, hin- und hergerissen zwischen widerstrebenden Empfindungen,
die er oft selbst nicht wahrhaben will: So sehr er es ablehnt, die gesellschaftlichen
Spiele mitzumachen, so sehr wünscht er sich doch, dazuzugehören;
so passiv er sich dahintreiben läßt, so gerne möchte er
doch aktiv sein Schicksal bestimmen. Gerade bei seinen Beziehungen zu Frauen
wird das Dilemma besonders deutlich: Er fühlt sich von energischen,
gesellschaftlich höherrangigen Mädchen angezogen, sucht ihre
Nähe, will sich andererseits aber nichts vergeben und reagiert auf
Zurückweisungen noch schroffer als sein Gegenpart.
Diese verborgene
innere Zerrissenheit ist es vor allem, die den Vance’schen Protagonisten
interessant macht und ihm seine Faszination verleiht. Im vorliegenden Roman
kommen diese Züge in Jaros wiedergefundenen Zwillingsbruder noch in
verstärktem Maße zum Ausdruck und bilden eine recht bemerkenswerte
Charaterstudie, die sich jeder oberflächlichen Einordnung entzieht.
All das ist vermutlich von Vance nicht bewußt beabsichtigt, sondern
kommt eher aus einem inneren Gefühl heraus, was den Grad an Echtheit
noch verstärkt.
Weitere Elemente,
die Nachtlicht zu einem der besten jüngeren Werke von Vance machen,
sind wie immer die überbordende Phantasie im Erschaffen von Welten,
Städten, Kostümen, Riten, Spielen, die skurrilen Einfälle
und die farbenprächtige Sprache. Hier ein kleines Zitat von Seite
5/6:
[...] Ein
bei weitem ernsteres Vergehen war die Entführung eines Obmannes oder
eines Schamanen, mit einer anschließenden Waschung des Körpers
und der Kleidung in warmem Seifenwasser, um die heilige Ausströmung
zu beseitigen. Nach der Waschung wurde dem Opfer der Bart abgeschnitten
und ein Bukett aus weißen Blumen um seine Hoden gebunden, danach
war er frei, um zu seinem Stamm zurückzuschleichen, nackt, bartlos,
gewaschen und seines Manas beraubt. Das Waschwasser wurde sorgfältig
destilliert und ergab schließlich einen Liter gelbes, fettiges, faulig
riechendes Zeug, das als Stammesmagie dienen würde.
Im Original:
A far more
serious offense was the kidnap of a chief or a shaman, and the washing
of him and his clothes in warm soapy water, in order to deplete him of
his sacred ooze. After the washing, the victim was shorn of his beard and
a bouquet of white flowers was tied to his testicles, after which he was
free to slink back to his own tribe: naked, beardless, washed and bereft
of mana. The wash water was carefully distilled, finally to yield a quart
of yellow unctuous foul-smelling stuff, which would be used in tribal magic.
Wie schon
an anderer Stelle aufgeführt, bemüht sich Herausgeber und Übersetzer
Andreas Irle nach Kräften, den Stil von Vance adäquat wiederzugeben.
Nicht immer gelingt das so ganz nach Wunsch, wie das folgende Zitat von
Seite 49 zeigen soll. Darin haben die Faths einen Besucher eingeladen,
der über die Musik fremder Welten erzählen soll, während
Jaro viel lieber etwas über die Raumfahrt gehört hätte:
[Since the
Faths intended an academic career for Jaro in the School of Aesthetic Philosophy,
they gingerly encouraged Jaro’s interest in Maihac’s odd instruments, while
pretending to ignore the picturesque methods by which they had been obtained.]
Da die Faths
eine akademische Laufbahn an der Schule der Ästhetischen Philosophie
für Jaro beabsichtigten, lenkten sie sein Interesse sachte auf Maihacs
Instrumente, während sie vorgaben die pikturesken Episoden, wie er
sie erlangt hatte, zu ignorieren.
Es müßte
wohl heißen „Schule für Ästhetische Philosophie"; auf „beabsichtigen"
folgt eigentlich ein Infinitiv, so daß „im Sinne hatten" die Sache
wohl eher getroffen hätte; statt dem zu positiven „sachte" wäre
„zaghaft" besser angebracht gewesen; „pikturesk" soll „pittoresk" sein;
„wie er sie erlangt hatte" ist für den Kontext grammatikalisch viel
zu umgangssprachlich; und das „sie" in diesem Abschnitt bezieht sich auf
die Episoden statt auf die Instrumente. Schließlich muß man
aus Jaros Charakter schließen, daß seine Zieheltern vielleicht
versuchten, sein „Interesse" zu „lenken", daß es ihnen aber sicherlich
nicht gelang; aber das ist schon beim Autor ein wenig schief formuliert.
Um jetzt
keinen falschen Eindruck zu erwecken: Von allen bisher bekannten deutschen
Vance-Übersetzungen sind die von Andreas Irle allen kleinen Schwächen
zum Trotz – die ein guter Lektor leicht hätte beseitigen können
– die besten. Jack Vance hat nicht nur die Angewohnheit, viele ausgefallene
Wörter in den Text zu mischen, die so obskur sind, daß man sich
nicht sicher sein kann, ob er sie nicht selbst erfunden hat („effectuator";
das Verbum „effectuate" ist bekannt und bedeutet „etwas bewirken"), nein,
er benutzt auch vielfach vertraute Wendungen bewußt in einem ungewöhnlichen
Zusammenhang und einer unüblichen Bedeutung, um – sehr erfolgreich
– den Eindruck des Fremdartigen, Gestelzten und Verschrobenen zu erwecken.
Und wenn nun Andreas Irle manches so wiedergibt, wie man es auf Deutsch
eigentlich nicht sagen würde, trifft er kurioserweise eine Eigenheit
des Vance’schen Stils.
Noch ein
Wort zum Schutzumschlag: Auf tiefem, glänzendem Schwarz leuchtet wie
von fern weißgelb ein Sonnensystem; erst bei näherem Betrachten
erkennt man, daß in Dunkelgrau Autor, Titel und Verlag zu lesen sind.
„Nachtlicht" ist natürlich der Name des Sonnensystems, auf die am
Ende die Handlung kulminiert.
Planet
der Abenteuer
Die Stadt der Khasch – City of the Khasch (Ü: Leni Sobez)
Gestrandet auf Tschai – Servants of the Wankh (Ü: Leni Sobez)
Im Reich der Dirdir – The Dirdir (Ü: Gudrun Faltermeier)
Im Bann der Pnume – The Pnume (Ü: Gudrun Faltermeier)
Adam Reith, einziger Überlebender eines
abgeschossenen Forschungsschiffes, ist auf dem Planeten Tschai gestrandet.
Sein Ziel ist es ein geeignetes Fahrzeug zu finden, um wieder zurück
zur Erde zu gelangen. Dass dies nicht gar so einfach ist, lassen die 750
Seiten Umfang des Buches erahnen.
Auf Tschai leben fünf Rassen: die Khasch,
die Wankh, die Dirdir, die Pnume und die Menschen. Jede der ersten vier
Rassen hat im Verlauf ihrer Geschichte Kontakt mit Menschen gehabt und
sie für sich nutzbar gemacht, daraus sind Halbrassen entstanden: die
Khaschmenschen, Wankhmenschen, Dirdirmenschen und Pnumekin(ensen). Adam
Reith trifft auf jede dieser Gruppierungen in mehr oder minder starker
Ausprägung. Zunächst einmal macht er Bekanntschaft mit den Emblemmenschen
und Traz Onmale, der ihn fortan bei seinen Abenteuern begleitet. Zusammen
retten sie später Ankhe at Afram Anacho, den Dirdirmenschen. Traz,
der Instinktmensch, und Anacho, der überkultivierte Dirdirmensch,
sind zwei Gegenpole, die dem Leser in ihren Gesprächen stets kulturelle
Hintergrundinformationen über Tschai liefern. Ganz im Gegensatz zu
Reith, dessen Vergangenheit dem Leser vollkommen unbekannt bleibt. Reith
will sein Raumschiff wiederfinden, dass vor seinen Augen von den Khasch
fortgeschafft wurde. Die kleine Gruppe schließt sich einer Karawane
an. Unterwegs befreien sie Ylin-Ylan, die Blume von Cath, aus den Händen
eines religiösen Kults und sie schließt sich der Gruppe an.
Die Khasch unterteilen sich in drei Völker, die Grünen Khasch,
die davon leben, Karawanen zu überfallen, die Alten Khasch, die sehr
zurückgezogen leben und die Blauen Khasch, die sehr aggressiv sind
und die Menschen mittels Religion im Griff haben. Reith gelingt es eine
Rebellion gegen die Blauen Khasch anzuzetteln Am Ende des ersten Bandes
muss er aber feststellen, dass sein Raumschiff zerlegt ist und er sich
anderweitig nach einer Reisegelegenheit umsehen muss.
Der Auftakt des zweiten Bandes beschreibt in
typisch vanceschem Stil eine Schiffsreise nach Cath. Zeit genug wieder
über die verschiedenen Sitten und Gebräuche zu sprechen. Eines
der Kennzeichen von Tschai sind seine unzähligen Religionen. ... Mir
scheint, der Mensch und seine Religion sind ein und dasselbe. Das Unbekannte
gibt es. Jeder Mensch projiziert auf die weiße Fläche den Umriß
seinen eigenen Weltbildes. Seine Schöpfung bedenkt er mit seinen persönlichen
Haltungen und Willensäußerungen. Der religiöse Mensch,
der seine Religion auslegt, erklärt im Grunde sich selbst. Widerspricht
ihm ein Fanatiker, so fühlt er sich in seiner eigenen Existenz bedroht,
und er reagiert sehr heftig. Da hier ein Außenseiter auf verschiedene
Kulturen trifft, sind solche Gespräche mit den Vertretern eben dieser
Kulturen – Traz und Anacho – und vielen anderen Personen besonders interessant.
Der Kunstgriff Vances in dieser Serie ist es, die Kulturen durch den Vertreter
selbst zu charakterisieren, in späteren Werken übernimmt diese
Funktion oft ein Touristenführer oder das Handbuch der Planeten.
In Cath angelangt hat Reith es mit Wankmenschen
und Wankh zu tun. Er findet heraus, dass die Notsignale, auf Grund derer
das Forschungsraumschiff ursprünglich entsandt wurde, von hier stammen
und wer das Schiff abgeschossen hat. Er versucht ein Schiff der Wankh zu
entwenden, scheitert jedoch mit diesem Plan.
Im dritten Band trifft Reith auf die Dirdir,
die durch ihre Kontrolle über die Energiezellen und die allgemeingültige
Währung – den Sequinen – die wirtschaftlichen Herrscher von Tschai
sind. Reith hat sich entschlossen ein Raumschiff bauen zu lassen, aber
dazu benötigt er eine nicht unerhebliche Menge Geldes. Nun sind die
Dirdir eine hochtechnisierte Rasse, auf der anderen Seite allerdings auch
begeis-terte Jäger. So unterhalten sie in der Carabassteppe ein Jagdgebiet,
in dem sie begeistert auf Menschenjagd gehen. Und Menschen finden sich
dort viele, befinden sich dortselbst doch die Vorkommen der wertvollen
Sequinen ... Reith und seine Freunde lassen sich auf dieses Abenteuer ein
und schaffen es sich das für den Bau notwendige Geld zu beschaffen.
Nun aber müssen entsprechende Leute gefunden werden, die als Mittelsmänner
fungieren können, um die für den Bau benötigten Materialien
zu beschaffen. In Aila Woudiver findet sich genau so ein Mann, der die
Dinge in die Hand nimmt. Da Woudiver einer von Vances typischen Schurken
ist, ist Reiths Schiff am Ende des Bandes immer noch nicht fertig gebaut.
Ganz im Gegenteil, findet sich Reith doch zu
Beginn des vierten Bandes in der Gewalt der Pnume wieder, den eigentlichen
Ureinwohnern von Tschai. Die Pnume leben zurückgezogen in unterirdischen
Tunnelsystemen und bauen an einer Art Mu-seum der Geschichte Tschais, dem
sie den Erdenmenschen Reith hinzufügen wollen. Hier trifft Reith die
Pnumedienerin Zap 210. Interessant ist, wie Vance die Reise durch das dunkle
Tunnelsystem meistert, so ganz ohne seine farbenprächtigen Landschaftsbeschreibungen
ausspielen zu können. Auch das Aufeinadertreffen von Reith mit den
Pnume ihren menschlichen Dienern bleibt nicht ohne Folgen. Und als Reith,
zusammen mit Zap 210, wieder an die Oberfläche gelangt will er seinen
Plan nun endgültig ausführen ...
Muss man es erwähnen? Wie gewohnt bei Vance, und man bekommt in den letzten Jahren wieder verstärkt Vance-Material in die Hände, ist der Hintergrund des Planeten Tschai farbig gestaltet. Die Namengebung ist genial, die Ideenfülle überwältigend. Die Atmosphäre ist bei jeder Rasse unterschiedlich, jede hat ihre eigene Psychologie, ihre eigene Kultur. Mark Willard führt aus, dass Tschai einer der bestbeschriebenen Planeten der Sciencefiction ist – und wer würde ihm hier nicht recht geben? Die Serie markiert, zusammen mit Durdane, den Übergang in die 70er Jahre, in deren Verlauf Vance in Amerika zum Kultautoren aufstieg. Doch anders als in den meisten Romanen der 70er steht bei Tschai die Handlung im Vordergrund. Auch kommt der Protagonist nicht aus der Kultur selbst, sondern ist ein Außenseiter, der sich in den Kulturen anderer zurechtfinden muss.
Kunst ist heutzutage wohl lediglich eine Frage
des Geschmacks und über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten,
deshalb nur so viel über die Illustrationen von Johann Peterka, die
man in den Bastei-Ausgaben findet: mein Geschmack sind sie nicht; außerdem
passen sie nach meinem Geschmack nicht zum Stil Vances.
Ich finde nur, dass das Buch zu dick ist, man
kann es schlecht halten und wer gern im Bett liest, wird wohl auf Grund
dieser Tatsache schneller einschlafen, statt weiterzulesen. Aber diese
unverhältnismäßige Dicke war bereits bei Durdane der Fall;
demnächst erscheint die Future-History von Heinlein – 990 Seiten ...
Dass dies nicht so sein muss, zeigt die Ullstein-Ausgabe von 1985, die
mit rund 530 Seiten weit weniger dick ist. Bastei verwendet einen großzügigeren
Satzspiegel und ein größeres Papiervolumen, wodurch das Buch
aufgebläht und beim Lesen unweigerlich schneller unansehnlich wird.
Da wir gerade bei den verschiedenen Auflagen sind: zuvor erschienen die
Einzelbände Die Stadt der Khasch, Gestrandet auf Tschai, Im Reich
der Dirdir und Im Bann der Pnume zwischen 1977 - 1981 ebenfalls bei Ullstein.
Die erste Ausgabe in Deutsch aber erschien als Heftausgabe 1970 bei Moewig,
wobei die ersten beiden Bücher unter anderem Titel herauskamen: Planet
der gelben Sonne und Die Abenteurer von Tschai und der vierte Band aus
unerfindlichen Gründen überhaupt nicht. Diese kurz Historie zeigt,
dass Planet der Abenteuer hierzulande gern gelesen wird. In Frankreich
und den Niederlanden ist dies noch mehr der Fall. In Frankreich beispielsweise
gibt es ein Rollenspiel mit Tschai-Szenarien und Mai ist Le Cycle des Tschai
erschienen, dem Auftakt einer auf 8 Bände ausgelegten Comic-Serie.
Andreas Irle
Rhialto
der Wunderbare (2)
(Rhialto the Marvellous, 1984)
Edition Andreas Irle, 231 Seiten
Im Jahre 1984 erschien nach Dying Earth (1950)
und den beiden Cugel-Büchern das vierte Buch mit Erzählungen
von der Sterbenden Erde. Bisher hatte sich dafür in Deutschland kein
Verlag gefunden. Andreas Irle, Kleinverleger und Vance-Kenner, hat sich
nun des Buches angenommen und es vor einigen Monaten in einer schön
ausgestatteten, limitierten Sonderausgabe herausgebracht. Es ist bereits
der zweite Band in seiner Edition, als erstes erschien ein in rotes Leinen
gebundener Nachdruck der Heyne-Übersetzung von Die sterbende Erde.
– Rhialto enthält drei längere Novellen, von denen eine bereits
früher in anderer Übersetzung erschienen ist. Die drei Texte
„Die Murthe", „Faders Hauch" und „Morreion" erzählen von den Abenteuern
und Intrigen der Zauberer auf der Sterbenden Erde. Zwar sind die Texte
stimmungsvoll, wie schon die früheren Bücher dieser Reihe – nicht
zuletzt durch die wirklich gute Übersetzung von Andreas Irle –, dennoch
sind viele Szenen zu lang geraten. Allerdings ist Vance Geschmackssache.
Wer seine Fantasy-Bücher mag, wird auch dieses lieben, denn es enthält
alles, wofür Vance bekannt geworden ist: witzige Situationen, bösartige
Ideen, fremde Kulturen und exotische Schauplätze. – Wer mit Vance’
Fantasy nicht so viel anfangen kann, der kann sich auf den neuesten Roman
freuen: Night Lamp (dt. Nachtlicht) ist ein neuer, über 500 Seiten
starker SF-Roman, der wieder einmal im Gaeanischen Reich spielt (wie schon
die Alastor-Trilogie oder die Dämonenprinzen-Serie). Das Buch erscheint
fast zeitgleich in Amerika und in Deutschland, hier in einer einmaligen
Sammlerausgabe. Nähere Infos: Edition Andreas Irle, Olper Str. 74,
51702 Bergneustadt-Wiedenest.
(Hardy Kettlitz, ALIEN CONTACT 25)
Rhialto
der Wunderbare
(Rhialto
the Marvellous, 1984)
Bergneustadt-Wiedenest,
1996
Edition Andreas
Irle
A. d. Amerikanischen
von Andreas Irle
Rez: Fantasia
112/113
Jack Vances Erzählungen von der Sterbenden
Erde gehören zu den schönsten Geschichten, die die Fantasy zu
bieten hat. Vance war beeinflußt von C. A. Smith, als er die ersten
Geschichten schrieb, die 1950 unter dem Titel The Dying Earth zu
einem Quasi-Roman zusammengefaßt wurden. Vance hat damit nicht
nur seinen Meister bei weitem übertroffen, sondern auch auf dem Gebiet
der SF (von Fantasy wußte man damals noch nicht viel) etwas völlig
Neues geschaffen, das große Aufmerksamkeit und Bewunderung erregte.
Der absolute Höhepunkt seines Schaffens war 1966 The Eyes of the
Overworld, ebenfalls ein Novellenroman aus der Sterbenden Erde.
Der vorliegende Band aus der Edition Andreas
Irle versammelt drei Novellen, "Die Murthe" ("The Murthe"), "Faders Hauch"
("Fader's Waft") und "Morreion" (Morreion"), wobei die zwei erstgenannten
aus der amerikanischen Ausgabe Rhialto the Marvellous von Brandywyne
Books (1984) stammen, die dritte Novelle dagegen aus Lin Carters Flashing
Swords '1 vom Science Fiction Book Club (1973).
Die Erzählungen von Jack Vance zeichnen
sich durch eine überschäumende Phantasie aus, mit deren Hilfe
der Autor die seltsamsten und wunderlichsten Landschaften, Kreaturen und
Geräte erfindet. Durch seinen elaborierten Stil voller kunstvoller
Wendungen und ausgefallener Wörter (man nehme nur den Originaltitel
der mittleren Erzählung, "Fader's Waft") verleiht er der Illusion
Gehalt und Überzeugungskraft. Die eigentliche Würze besteht schließlich
in der feinen Ironie, die alle Geschichten durchzieht und sie erst zu dem
unnachahmlichen Vance'schen Lesegenuß macht.
Ein besonderer Kniff von Vance besteht darin,
isolierte Fakten in den Text einzustreuen, die nicht wirklich dem Zweck
dienen, Informationen zu vermitteln, sondern der Erzählung Atmosphäre
und Tiefe zu verleihen. Im folgenden Zitat von Seite 5 gibt der Magier
Rhialto seinen Faktotum Ladanque gerade Anweisungen, was dieser zu tun
habe, wenn Rhialto verreist:
" [...] sonst bekommst Du Ausschlag im Gesicht."
"Gut, mein Herr. Was ist mit dem Clevenger?"
"Beachte es einfach nicht. Gehe nicht in die
Nähe des Käfigs. Denke daran, sein Gerede über Jungfrauen
und Reichtum ist pure Illusion. Ich bezweifle, ob es die Begriffe überhaupt
versteht."
"Wie Ihr meint, Herr."
Rhialto verließ das Landhaus [...]
Das Clevenger kommt weder in den früheren
noch in den späteren Absätzen dieses Kapitels vor. Typisch für
Vance ist auch, daß er dieses Wesen mit keinem Wort beschreibt, sondern
es dem Leser überläßt, sich anhand scheinbar zufälliger
Informationen Gedanken darüber zu machen. In seiner wohl berühmtesten
und besten Novelle The Dragon Masters (1962), in der die Drachen-Reittiere
eine herausragende Rolle spielen, vermeidet er es beispielsweise strikt,
außer den Namen und Aktionen der Tiere auch nur die geringste äußerliche
Beschreibung abzugeben, was die Vorstellungskraft des Lesers ungemein anregt.
Dabei dient ihm der Gebrauch ausgefallener Wörter und geschraubter
Wendungen als Mittel der Ironie, insbesondere wenn etwa in The Eyes
of the Overworld Cugel the Clever (wie er sich selbst nennt) verbal
einen Anschein von Höflichkeit, Bildung und Adel schafft, der im krassen
Gegensatz zur profanen Wirklichkeit steht. Deshalb ist gerade bei den besseren
Werken von Vance eine getreue Übersetzung sehr wichtig, da ansonsten
die Ironie völlig auf der Strecke bleibt.
Hier sei nun erwähnt, daß die Übersetzung
von Herausgeber Andreas Irle sehr nah am Originaltext bleibt und daher
einen sehr guten eindruck der Vance'schen Sprache vermittelt, ganz im Gegensatz
zu fast allen früheren Vance-Übersetzungen (wie etwa der "Morreion"-Übertragung
von Lore Straßl aus Flug der Zauberer (Terra Fantasy 21,1973),
die Vances fein ziselierte Konstruktionen in gewöhnliches Alltagsdeutsch
übertrugen. Wenn also jemand daran denken sollte, sich eine dieser
nicht gerade billigen bibliophilen Vance-Raritäten aus der Edition
Irle zuzulegen, sollte er darauf achten, sich auf die Übersetzungen
des Herausgebers zu beschränken.
Ich habe mir die Mühe gemacht und am Beispiel
von "Morreion" das Original und die beiden Übersetzungen herausgesucht,
die ich hier in Form der ersten zwei Absätze vorstellen möchte.
Der Auszug stammt aus Flashing Swords '1, New York 1973, Dell Books:
The archveult Xexamedes, digging gentian roots
in Were Wood, became warm with exertion. He doffed his cloak and returned
to work, but the glint of blue scales was noticed by Herark the Harbinger
and the diabolist Shrue. Approaching by stealth they leapt forth to confront
the creature. Then, flinging a pair of nooses about the supple neck, they
held him where he could do no mischief.
After great effort, a hundred threats and
as many lunges, twists and charges on the part of Xexamedes, the magicians
dragged him to the castle of Ildefonse, where other magicians of the region
gathered in high excitement.
Man sieht hier teilweise erfundene Wörter
("archveult"), ausgefallene Wendungen ("doff", "Harbinger"), gekünstelte,
teilweise gar schon bürokratisch klingende Konstruktionen ("Approaching
by stealh", "on the part of"), daneben aber auch wieder ganz gewöhnliche
Formulierungen ("returned to work"). Damit signalisiert Vance nicht nur
eine verschrobene, altertümliche Kultur, sondern auch, daß das
Ganze nicht so recht ernst zu nehmen ist, dient ihm also als Mittel der
Ironie. Das in adäquates Deutsch zu übersetzen ist alles andere
als einfach, vor allem deshalb, weil es im Deutschen etwas für "harbinger"
zwar sinngemäße Entsprechungen gibt, aber keine die die von
Vance angestrebte Wirkung erzeugt. "Harbinger" heißt "Herold", "Künder",
"Vorbote", auch "Quartiermeister"; man findet es gelegentlich in der Wendungen
wie "harbinger of bad news" (und auf genau das spielt Vance sicherlich
an!) – was um Himmels Willen soll man dafür auf Deutsch schreiben,
das diese Bedeutungen transportiert?
Hier nun die Übersetzung von Lore Straßl
aus Lin Carter: Flug der Zauberer, Rastatt 1976, Pabel Verlag, Terra
Fantasy 21:
Dem Erveult Xexamedes wurde es recht warm
beim Ausgraben der Enzianwurzeln im Werwald. Er streifte seinen Umhang
ab und widmete sich wieder seiner Arbeit. Aber da hatten Herark, der Zauberbote,
und der Diabolist Shrue bereits das Schimmern seiner blauen Schuppen bemerkt.
Sie schlichen sich heran und warfen je eine Schlinge um den schlanken Hals
der ahnungslosen Kreatur.
Nach nicht unbeträchtlicher Anstrengung,
hundert Drohungen und heftiger Gegenwehr Xexamedes', zerrten die beiden
Magier ihn schließlich zu Ildefonses Burg, wo die anderen Zauberer
des Landes sich aufgeregt versammelten.
Manches ist ganz gut getroffen ("streifte seinen
Umhang ab"), manches wurde unnötigerweise interpretierend ergänzt
("recht warm" statt einfach "warm" oder "die anderen Zauberer" statt "other
magicians"), manches trifft die Sache nur ganz am Rande ("Zauberbote" für
"Harbinger"), vieles ist eigenartigerweise einfach weggelassen ("they leapt
forth to confront the creature"). Insgesamt klingt Lore Straßls Übersetzung
sehr viel profaner als das gestelzte Original, so daß dessen ironischer
Eindruck kaum noch spürbar ist.
Nun der gleiche Text von Andreas Irle:
Dem Erzveult Xexamedes, der im Werwald nach
Enzianwurzeln grub, wurde ob dieser Tätigkeit warm. Er entledigte
sich seines Umhangs und widmete sich wieder seiner Arbeit, aber das Glitzern
blauer Schuppen wurde von Herark dem Harbinger und dem Diabolist Shrue
bemerkt. Sich verstohlen nähernd sprangen sie vorwärts, um das
Geschöpf zu stellen. Dann warfen sie ihm ein Paar Schlingen über
den geschmeidigen Hals und hielten es so fest, daß es keinen Schaden
anrichten konnte.
Nach großer Mühe, hundert Drohungen
und ebensovielen Ausfällen, Drehungen und Angriffen von Seiten Xexamedes',
zogen ihn die Magier in die Burg von Ildefonse, wo sich andere Magier der
region in großer Aufregung versammelt hatten.
Ich brauche hier gar nicht einzelne Teile zu
kommentieren, weil die Sachlage offensichtlich ist: Irle bleibt viel näher
am Originaltext, baut die geschraubten Formulierungen von Vance mit adäquatem
Deutsch nach (wo Lore Straßl für "doffed his cloak" an sich
schon ganz gut "streifte seinen Umhang" schrebit, steigert das Andreas
Irle noch mit "entledigte sich seines Umhangs", womit er die gespreizte
Förmlcihekit des Vance'schen Stils genau trifft), läßt
"Harbinger" unübersetzt (wohl der einzige Ausweg) und vermittelt so
einen ziemlich genauen Eindruck der Vance'schen Prosa – so ziemlich die
erste deutsche Übersetzung eines Vance-Textes überhaupt, die
dazu in der Lage ist!
Einige Feinheiten bleiben aber zwangsläufig
bei beiden Übersetzungen auf der Strecke, etwa wenn "Were Wood" mit
"Werwald" übertragen wird: Die deutsche Version klingt nach einem
allgemeinen Gattungsbegriff, während das Original ganz eindeutig einen
Eigennamen bezeichnet. Regelrecht falsch ist bei Irle nur wenig ("dem Diabolist
Shrue" hätte wohl "dem Diabolisten Shrue" heißen müssen).
Edition
Andreas Irle
Stand: August
2001